Philosophie

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Von der Arbeitsgemeinschaft zum Unterrichtsfach

Philosophie wurde am LMG seit 1992 als zweistündige Arbeitsgemeinschaft für Schüler der Sekundarstufe II angeboten. Ab Schuljahr 2000/2001 wird nun Philosophie als Basiskurs (später als Grundkurs) ins reguläre Unterrichtsprogramm der gymnasialen Oberstufe aufgenommen. Der Rahmenplan Philosophie für das Land Brandenburg liegt seit 1993 vor und hält ausdrücklich fest, dass Philosophie „an allen gymnasialen Oberstufen unterrichtet werden kann.“

Griechenland und die Kritik

Philosophie ist der aus dem frühen Griechentum stammende Name für die seit 2500 Jahren andauernden Denkbemühungen in Europa, die Prinzipien und Zusammenhänge der Welt auf eine argumentative und rational einsichtige Weise zu verstehen und zu erklären. So ist es für die ersten griechischen Denker und Kosmologen aus dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrhundert seit Thales von Milet charakteristisch, dass sie bei aller sonstigen Unterschiedlichkeit sich in der Ablehnung des mythischen Weltbildes einig sind.

Dieses Weltbild lag für die Griechen in den Werken des Homer und des Hesiod gleichsam verbindlich vor. Daher steht der Anfang der europäischen Philosophie unter dem Schlachtruf „Homer lügt!“. Gegen den Mythos, der die Welt als Generationenfolge von Göttern auffasst, stellen die ersten sogenannten Naturphilosophen unterschiedliche Prinzipien der Welterklärung auf, die alle eines gemeinsam haben: den Anspruch, einer argumentativen Prüfung wenigstens zugänglich zu sein. Dieser Übergang vom Mythos zu Philosophie und Wissenschaft, oft auch „Vom Mythos zum Logos“ genannt, unterscheidet die griechische Hochkultur von anderen Hochkulturen. Der argumentative Widerstreit, die rationale Prüfling von Aussagen und ihre eventuelle Widerlegung, kurz: das Prinzip der Kritik liegt dann in den „Dialogen“ Platons schon vollendet vor.

In diesen Dialogen prüft Platons Lehrer Sokrates die Meinungen seiner Gesprächspartner zu Begriffen wie Tapferkeit, Freundschaft oder Gerechtigkeit. Im Verlauf dieser Gespräche werden die Gesprächspartner gezwungen einzusehen, dass sie ihre Meinungen nicht hinreichend begründen können und dass daher diese Meinungen auch nicht beanspruchen können, als Wissen zu gelten. Eben durch diese sokratische Widerlegungskunst sind die platonischen Dialoge Modell aller Einführung in philosophisches Denken und daher fester Bestandteil jedes philosophischen Lektüre-Kanons. Rechenschaft ablegen zu können vom eigenen Denken und Handeln ist eine lebenslange Aufgabe jedes Einzelnen. In der platonischen Schule, der Akademie zu Athen, hat dann Aristoteles zuerst die Philosophie in eine theoretische und eine praktische unterteilt. Die damit einhergehende Systematisierung der Disziplinen, ob Logik oder Physik, Ethik, Politik oder Biologie liegt bis heute der wissenschaftlichen Fächereinteilung zu Grunde. Der rein theoretische Zugriff der Griechen, der zunächst von der Anwendung des Wissens in der Praxis absieht, hat in ungefähr drei Jahrhunderten zu wissenschaftlichen Höchstleistungen wie der „Logik“ des Aristoteles und der „Geometrie“ des Euklid geführt.

Diese sogenannte „Entdeckung des Geistes“ ist zumindest die Entdeckung seines Prinzips: Dieses ist die Kritik. In diesem Sinne haben die Griechen für die Philosophie und die Wissenschaften in Europa die Modelle bereitgestellt, hinter die niemand zurückfallen darf, der dem Anspruch nach mit Argumenten für eine Sache einstehen will.

Das gilt in besonderem Maße für die philosophische Tradition. Weder erbauliche Dichtung noch weltanschauliche Dogmen haben Platz in dieser Tradition, denn in der Philosophie mag alles erlaubt sein, eines ist es nicht: Aussagen ungeprüft als wahr anzunehmen. Zustimmung oder Ablehnung sind philosophisch nur erlaubt, sofern sie begründet sind. Dafür stehen aus der Tradition Texte zur Verfügung, die von Platon und Aristoteles, Descartes, Kant und Hegel bis zu den Vätern der philosophischen Moderne Marx und Frege, Nietzsche und Freud diesen argumentativen Standard begründet und eingelöst haben und daher als exemplarische Lektüre geeignet sind.

Die Kritik und die Mündigkeit

Die Philosophie AG ist ein Lektüre-Kurs. Die gemeinsame Lektüre und die kritische Diskussion der Thesen und Argumente des Textes sind die beiden zentralen Vorgehensweisen. Die Auswahl erfolgt für jedes Halbjahr wie auch bei der Festlegung der Themen für die Projekttage möglichst nach dem jeweiligen Interesse der Schüler. Philosophische Fragestellungen sind von der Art, dass sie konkret und inhaltlich im Leben jedes Einzelnen vorkommen. Meinungen zu Fragen der Ethik („Darf ich lügen?“), der politischen Philosophie („Was ist Gerechtigkeit?“) oder der Metaphysik („Nach dem Tod ist alles aus.“) bringt der Einzelne wie die Gesprächspartner des Sokrates immer schon mit, auch wenn er es nicht weiß.

Die Lektüre eines Klassikers zu einer philosophischen Fragestellung erfüllt den Zweck, Vormeinungen dieser Art als solche zu erkennen, zu prüfen und zu korrigieren. Ausgangspunkt der Lektüre sollte daher ein Interesse der Schüler an einem Problem sein; Zweck der Lektüre ist die „Problemorientierung“. Die Kenntnis eines klassischen Textes der Philosophie ist zwar zur argumentativen Problementfaltung unerlässlich, aber der Umgang mit einem solchen Text muss methodisch immer dem Prinzip der Kritik unterworfen sein: geglaubt wird nichts.

Der Rahmenplan schlägt vor, bei der Problemorientierung an die vier Fragen Kants anzuknüpfen: 1. „Was kann ich wissen?“, 2. „Was soll ich tun?“, 3. „Was darf ich hoffen?“, und zusammenfassend 4. „Was ist der Mensch?“ Aus diesen vier Fragen lassen sich die „Fragedimensionen“ gewinnen, in die ein philosophisches Curriculum von der Jahrgangsstufe 11 bis zum Abitur eingebettet werden muss. Sie stellen den Leitfaden dar, an dem die Problemorientierung und damit auch die Lektüreauswahl stattfindet. Im Rahmen dieser Fragen bestünde der Vollzug des Philosophieunterrichts in einem Dreischritt: Zuerst das problemorientierte Gespräch, dann die Lektüre als eine Art Expertenbefragung und zuletzt die auf neuer Stufe erfolgende Diskussion des Problems.

Eine Arbeitsgemeinschaft bietet sicher den Vorteil, dass die Schüler freiwillig und ohne Leistungsdruck sich den argumentativen Hürden der klassischen Texte stellen und ihre Vormeinungen gleichsam spielerisch der Überprüfung aussetzen. Aber auch die Nachteile einer solchen Unverbindlichkeit liegen auf der Hand: eine wirkliche Sicherung der gewonnen Kenntnisse findet nicht statt und die Überprüfung des Umgangs mit Argumenten, denen eines Klassikers wie der eigenen, wird nicht mit dem schriftlichen Ernstfall des Referats oder der Klausur konfrontiert.

Arbeitsgemeinschaft oder verbindlicher Grundkurs bis zum Abitur – der Philosophieunterricht sollte grundsätzlich der Lebensorientierung der Schüler dienen: Selbstständig im heute globalen Angebot der Weltbilder sowie der Werte und Normen zu rationalen Entscheidungen kommen und Rechenschaft ablegen zu können vom eigenen Denken und Handeln, das wäre eine Zielbestimmung des Philosophieunterrichts, die Kant genannt hat den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Fachbereich Philosophie (aus: Ziele und Standards, April 2000)
Christian Michelsen

Curriculum als PDF hier curriculum philo